Über vier Jahre Stille. Keine neue Platte, kein neuer Studiozyklus – und trotzdem ausverkaufte Konzerte, darunter ein legendärer Abend auf der Berliner Waldbühne im Sommer 2024 vor 22.000 Menschen. Thomas Hübner, bekannt als Clueso, hat in dieser Zeit etwas Seltenes erlebt: Er hat gemerkt, dass sein Publikum größer geworden ist, obwohl er nichts Neues geliefert hat. „Das waren 22.000 Leute, die gekommen sind, ohne, dass ich ein Album hatte“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Dieses Erlebnis war sein Schlüsselmoment. Der Startschuss für das, was jetzt vorliegt: „Deja Vu 1/2″, erschienen am 27. Februar 2026 – sein zehntes Studioalbum und Teil eins eines angekündigten Doppelalbum-Zyklus.
Wer ist Clueso überhaupt – und warum ist er anders als die Konkurrenz?
Wer die Geschichte von Thomas Hübner nicht kennt, versteht die Tiefe dieses Albums nur halb. Der 1980 in Erfurt geborene Musiker begann seine Karriere als Deutschrapper. Sein Debütalbum „Text und Ton“ (2001) dockte an das an, was Bands wie Freundeskreis aus Stuttgart damals prägten. Bereits auf dem Nachfolger „Gute Musik“ (2004) begann er, die Regler Richtung Gesang zu schieben – eine Weichenstellung, die seine Karriere für immer veränderte.
Was ihn seither von einem Johannes Oerding oder Max Giesinger unterscheidet, ist sein Hip-Hop-Erbe. Clueso hat aus dem Rap ein untrügliches Rhythmusgefühl mitgenommen, das seine Popsongs immer einen Tick lebendiger, organischer klingen lässt als die Konkurrenz. Er tourte mit Herbert Grönemeyer, sang beim Bundesvision Song Contest 2005 und nahm mit den Fantastischen Vier den WM-Song „Zusammen“ (2018) auf. Gold- und Platinauszeichnungen, über 3 Millionen verkaufte Alben, dreimal Platz 1 der deutschen Albumcharts – das ist die Vita eines Mannes, der nie wirklich laut, aber beständig präsent war.
Genau darin liegt sein Geheimnis: Clueso polarisiert nicht. Er berührt.
Wie entstand „Deja Vu 1/2″ – und was steckt hinter dem ungewöhnlichen Titel?
Die Entstehungsgeschichte: Souterrain in Hamburg, Studio in Berlin
Das Album trägt schon im Titel eine Botschaft: Es ist die erste Hälfte. Ein bewusstes Statement, das ankündigt, hier kommt noch mehr – und zwar etwas Anderes, wie Clueso selbst betont. „Ich torpediere gern mit jedem Werk das Werk davor“, sagt er. „Es muss anders klingen.“
Die Entstehung verlief ungewöhnlich. Nach anderthalb Jahren Skizzen und Ideensammlungen baute Clueso im Herbst 2024 gemeinsam mit Produzent Daniel Flamm ein provisorisches Studio in das Souterrain seines Managers in Hamburg. Lagerfeuer-Atmosphäre, die Alster ums Eck, kein Label-Druck. Anschließend reiste er nach Berlin zu seinem langjährigen Stammproduzenten Ralf Christian Mayer – einer, mit dem er bereits 2006 das dritte Album „Weit weg“ aufgenommen hatte. Diese Kombination aus neuem Blut und bewährter Vertrautheit hört man dem Ergebnis an.
Die Gitarre als Rückgrat
Was sofort auffällt: „Deja Vu 1/2″ ist ein Gitarrenalbum. Der langjährige Stammgitarrist Christoph Bernewitz ist dabei, und mit ihm der junge Bertram Burkert, der sich tief in die DNA dieser Musik eingeschrieben hat. Die Gitarren klingen mal wie bei The Strokes, mal überlebensgroß wie bei Oasis, dann wieder weit und kinoartig wie bei Bruce Springsteen oder Sam Fender. Das ist kein Zufall – Clueso wollte bewusst raus aus der digitalen Comfort Zone der letzten Jahre.
Die Songs: Was funktioniert, was nicht
Der Opener setzt den Ton – und die Messlatte hoch
„Gib mir was Echtes“ ist der Türöffner des Albums – und was für einer. Eine sturmgegerbte Gitarre, Springsteen-Weite, und Clueso, der singt: „Es fühlt sich alles nach Lüge an.“ Das ist kein billiges Klagelied, sondern eine präzise Zeitdiagnose: Dauerinformationsflut, KI-generierte Realitäten, Krisen ohne Ende. Wer in dieser Zeit nach echter Verbindung sucht, findet in diesem Song seinen Soundtrack.
Die Highlights im Überblick
„Freier Fall“ platzt geradezu vor Energie. Inspiriert von einem Gespräch mit einem Freund, der gerade eine Trennung durchlebte, schafft Clueso hier einen Song, der an Harry Styles auf seinem besten Post-One-Direction-Niveau erinnert – melodisch, dicht, mitreißend.
„Minimum“ ist der Überraschungstreffer der Platte. Ein E-Street-Band-artiges Saxofonsolo, euphorisch und gleichzeitig zärtlich – ein Song für alle, die im Hintergrund funktionieren und nie gefragt werden, wie es ihnen eigentlich geht. Das trifft.
„Kissenmeer“ zeigt Cluesos Sprechgesang-Qualitäten. Hier fühlt man den Rapper, der er mal war – souverän, nicht spektakulär, aber weit über dem Branchendurchschnitt.
„Ballon“ ist die Ballade, die keine Pflichtübung ist. Textlich gehört sie zu den stärksten Momenten des Albums, weil Clueso hier nicht versucht, gleichzeitig Playlist-tauglich und tiefgründig zu sein.
„Spinner finden sich“ – das orchestrale Finale. Episch, rockig, mit einem Refrain, der sich festsetzt. Ein Abschluss, der sagt: Ich kann das noch. Ich will das noch.
Wo das Album Schwäche zeigt
Ehrlichkeit gehört zur Kritik: Nicht jeder der 14 Tracks zieht gleich stark. „Immer wenn du nicht da bist“ bleibt im Standard-Deutsch-Pop-Modus hängen – melodisch austauschbar, textlich wenig überraschend. Und wer Clueso kennt, spürt bei ein, zwei Songs, dass er bewusst nahe an der Radiofähigkeit geblieben ist – manchmal zu nahe.
Das Instrumental „Luft“ hingegen ist kein Lückenfüller, sondern ein kluger Atemzug im Albumfluss. Zwei Minuten Pause, bevor das Finale beginnt. Wer das weglässt, versteht das Album nicht.
Was sagen die Kritiker? – Und wo liegen die Meinungen auseinander?
Das Rolling Stone Magazin nennt „Deja Vu 1/2″ Cluesos bislang bestes Album – ein berührendes, warmherziges, gefühlsechtes Popwerk. Der Musikexpress ist differenzierter: Man lobt seine Fähigkeit, immer knapp am Kitsch vorbeizusegeln, sieht aber auch die Gefahr, in einem wohltemperierten Wellness-Pop-Kokon zu verschwinden. Die Kritikseite laut.de bemängelt, dass das Album sich zu oft mit der Oberfläche zufriedengibt – obwohl es Tiefe könnte.
Alle drei haben recht. Das ist das Wesen von Clueso: Er ist nie komplett falsch, aber auch nie so kantig, dass er wirklich wehtut. Genau darin liegt für viele seine Stärke – und für andere sein blinder Fleck.
Der Kontext: Tour, Waldbühne und der lange Weg hierher
„Deja Vu 1/2″ wäre ohne die Waldbühne vielleicht nie so geworden, wie es ist. Das Konzert im Juli 2024 in Berlin hat Clueso etwas gegeben, das kein Chartserfolg geben kann: Bestätigung durch Treue. 22.000 Menschen, die nicht wegen eines neuen Albums gekommen waren, sondern wegen alter Lieder, alter Bilder.
Diese Energie trägt das neue Werk. Und sie wird sich fortsetzen: Die Deja Vu Tour 2026 ist Cluesos bisher größte Tournee überhaupt – Arenen von Hamburg über Berlin bis Köln, mit einem Abschluss in Wien. Wer ihn live erlebt hat, weiß: Diese Musik entfaltet sich auf großen Bühnen noch einmal ganz anders.
Im Herbst 2026 soll Teil zwei des Zyklus folgen – mit mehr Features, laut Clueso, und einem anderen Klang. Man darf gespannt sein.
Fazit: Ein Album, das einem bleibt – nicht wegen Lautstärke, sondern wegen Ehrlichkeit
„Deja Vu 1/2″ ist kein perfektes Album. Es hat schwächere Momente, und wer Provokation oder Experiment sucht, wird enttäuscht. Aber es ist ein ehrliches Album. Eines, das von einem Künstler stammt, der nicht versucht, den Zeitgeist zu reiten, sondern ihn zu beschreiben. Einer, der sich nach vier Jahren Zeit gelassen hat – und diese Zeit genutzt hat, um zu sich selbst zurückzukehren.
Thomas Hübner aus Erfurt ist mit 45 Jahren kein Aufsteiger mehr. Er ist ein Klassiker. Und „Deja Vu 1/2″ klingt genau danach: reif, ehrlich, weitsichtig. Nicht aufregend. Aber gut. Sehr gut sogar.
Wertung: 8 / 10
Habt ihr „Deja Vu 1/2″ schon gehört? Welcher Song hat euch am meisten erwischt? Schreibt es uns in die Kommentare.






